Job Shadowing - Abendgymnasium Berlin Prenzlauer Berg
Als ich das erste Mal nach Berlin kam – kurz vor der Jahrtausendwende –, war ich sechs oder sieben Jahre alt. Meine Eltern – jung, idealistisch und beide Pädagogen – zogen meinen Bruder und mich damals durch gefühlt jedes Museum, zu jeder Gedenkstätte und in jede Ausstellung, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigte. Ich erinnere mich an graue Mauern, an Fotografien missglückter Fluchtversuche und an eine Stadt, die auf mich wirkte wie ein einziges großes Mahnmal. Berlin erschien mir in meiner Kindheit kühl, ernst und still. Eine Stadt mit Museumscharakter und vielen Narben.
Im Mai 2026 bot sich für mich die Chance, dieses Bild erneut zu überprüfen – nicht mehr als Kind an der Hand der Eltern, sondern als erwachsene Frau und selbst Lehrerin. Ist Berlin wirklich geblieben, wie ich es in Erinnerung habe?
Im Rahmen von Erasmus+ machte ich mich auf den Weg in den fernen Norden, um dort am Abendgymnasium Berlin für eine Woche zu hospitieren. Schon die Zugfahrt von Innsbruck hoch in die Landeshauptstadt unserer Lieblingsnachbarn fühlte sich an wie ein langsames Verschieben der Perspektive. Während hinter dem Fenster eine berglose Landschaft vorbeizog, hörte ich Musik, ließ meine Gedanken treiben und blieb an einer Liedzeile von Peter Fox hängen:
„Berlin, du kannst so hässlich sein.“ – Sollte er recht behalten?
Sollte er nicht – die Stadt empfing mich von ihrer besten Seite: warm, sonnig und entzeitmäßig schön. An den Ufern der Spree fand ich ein Lokal, das sich als repräsentativ für diese Stadt herausstellen sollte – viele Naturelemente wie Treibholz und Steine, kombiniert mit industriellen Elementen wie Beton und Stahl, und das alles getaucht in das Licht einer überdimensionalen, leicht marode wirkenden Diskokugel, die das Abendlicht der untergehenden Sonne über die ganze Anlage reflektierte und eins werden ließ, was nie zusammengehörte – Magie oder einfach das neue Berlin? Ja, auch: There is a day after tomorrow und Berlin, du kannst so schön sein.
Nachdem ich der Stadt vom ersten Abend an eine zweite Chance eingeräumt hatte, begegnete mir das Thema „zweite Chancen“ auch am Abendgymnasium am Prenzlauer Berg. Wie bei uns bekommen auch hier Menschen die Möglichkeit, Wege neu zu beginnen, Bildung nachzuholen und Zerbrochenes neu aufzubauen.
Die Direktorin Frau Müller und ihr 14-köpfiges Team begegneten mir wie alle Berliner die ich bis jetzt kennengelernt hatte - herzlich auf eine Art die der Tirol versteht und ihm nicht unangenehm hysterisch erscheint, somit sehr kompatibel. Ich durfte den Unterricht besuchen, Gespräche führen und den Schulalltag miterleben. Besonders der Physikunterricht blieb mir in Erinnerung. Ausgerechnet Physik – ein Fach, das mich früher nie wirklich begeistern konnte. Und doch saß ich plötzlich dort und hörte interessiert zu.
Zwischen Berlin und Innsbruck liegen viele Kilometer, und doch teilen unsere Schulen ähnliche Herausforderungen: ein Schulgebäude, das von zwei Schulen bespielt wird, manchmal wenig ideale Klassenräume, und auch kleine Gruppen durch unregelmäßige Anwesenheit kennen die Berliner Kollegen nur allzu gut. Aber sie teilen auch dieselbe Hoffnung. Den Glauben daran, dass Bildung nicht geradlinig verlaufen muss. Dass Umwege erlaubt sind. Und dass ein zweiter Anfang manchmal der wichtigere sein kann als der erste, denn man weiß nie, ob das, was daraus erblüht, nicht viel spannender wird als das Alte.
Danke, Berlin – besonders für die vegane Currywurst. Es war mir eine Freude.



